Kongresskultur Bregenz - Mut zur Innovation

03. 07. 2023 Aktuell, Forschen, Vermitteln 0 Kommentare

inspiriert & realisiert. Praxiserfahrungen aus dem micelab:bodensee* - Teil 3

Von Gerhard Stübe

„Ursprünglich hatte BodenseeMeeting eine typische Vermarktungsidee. Wir sind auf Branchenmessen aufgetreten und haben letztlich nichts anderes kommuniziert als ‚Tagt am Bodensee, da ist es schön'. So weit, so banal. Das haben wir aufgegeben. Wir beschlossen, uns selbst, unsere Häuser, aber auch die Tagungswirtschaft weiterzubringen. Als wir mit dem micelab:bodensee anfingen, bekamen wir in Reaktionen, als wären wir ein Haufen irrer Typen, die eine neue Marketingsau durchs Dorf treiben. Wir wurden als ein Fremdkörper angesehen, weil wir Themen wie ‚Angst & Vertrauen' oder ‚Eros & Resonanz' in den Fokus nahmen. Das hatte es vorher in der Branche noch nicht gegeben.

Die Außenwahrnehmung hat sich im Laufe der Jahre ins komplette Gegenteil verkehrt. Das zeigen mir viele Rückmeldungen. Das in unserem Bereich wichtige Medien, die ‚Tagungswirtschaft‘, berichtet regelmäßig begeistert von unseren Laboren; Institutionen wie das German Convention Bureau oder das Austrian Convention Bureau sehen uns als innovativ, es fiel sogar der Begriff Avantgarde; bei einer Podiumsdiskussion fragte mich ein österreichischer Journalist: ‚Habt ihr Corona eigentlich vorausgeahnt?' Er bezog sich darauf, dass Aspekte wie Angst, Resonanz oder das Verhältnis von Ich und Wir, mit denen wir in den Laboren experimentiert hatten, in der Pandemie wesentlich wurden.

Inspirationen aus dem micelab sind auch in die Gestaltung von Branchentreffen wie die Convention4u oder die Managementtagung des Europäischen Verbands der Veranstaltungszentren eingeflossen. Deren Design ist viel partizipativer und interaktiver geworden. Vor allem aber konnten wir Events im eigenen Haus positiv beeinflussen. Ein Beispiel: Seit vielen Jahren ist die Firma Blum, Weltmarktführer bei der Herstellung von Beschlägen, ein wichtiger Kunde. Alle zwei Jahre werden Händler aus der ganzen Welt nach Bregenz eingeladen. Das Format war lange recht konventionell: Die Chefs hielten Ansprachen, neue Produkte wurden präsentiert, abends ein Unterhaltungsprogramm – das war's. Wir haben bei Feedback-Gespräch immer wieder von den Erkenntnissen aus unseren Laboren gesprochen, so wie man beim Angeln Köder auslegt. Irgendwann hat der Kunde ‚angebissen‘, und wir haben in einem Ideen-Sprint ein neues Design entwickelt. Nun liegt der Schwerpunkt auf der Begegnung der Gäste und auf einem moderierten Erfahrungsaustausch, der als besonders lebendig und effektiv erlebt wird.

An solchen Beispielen merke ich, dass ich selbst mutiger geworden bin, Kund:innen darauf anzusprechen, wie deren Veranstaltungen wirksamer werden könnten. Nicht als Missionar, sondern in einladender und ermutigender Weise. Stichwort Mut: Wir haben die eigene Organisation umgebaut. Von starker Hierarchie in eine horizontale Struktur, die den Team-Leads mehr Spielraum und größere Verantwortung einräumt. Die eigene Erfahrung im micelab, wie stark eine Organisation sein kann, die Partizipation auf Augenhöhe lebt, hat diese Umstrukturierung maßgeblich inspiriert.

Angst vor dem Neuen, Angst vor einer unsicheren Zukunft: Das sind die wichtigsten Hindernisse, wirklich innovativ zu denken und zu handeln. Insofern lag es nah, dieses Hindernis zum Thema unseres allerersten Labors zu machen. Einschließlich des Heilmittels, des Vertrauens. Die Übungen, die wir dort kennengelernt haben, sind fest in mir verankert. Wir hatten einen Impro-Schauspieler und Coach dabei, der uns sehr anschaulich den Unterschied von einer Reaktion ‚Ja – aaaber…' und einem ‚Ja genau, und…' vermittelte. Eine Haltung, Impulse des Lebens zu bejahen und darauf aufzubauen. Das versuche ich seither sehr intensiv umzusetzen, als Führungskraft genauso wie im Privatleben.

Interessanterweise haben die Impulse aus dem micelab unsere eigene Meeting-Kultur verändert. Mir ist klar geworden, dass ich den Mitarbeitenden auf Augenhöhe begegnen möchte. Nicht nur informell und zufällig auf dem Flur, sondern auch in einem moderierten Format. Zweimal im Jahr mindestens treffen wir uns dazu. Wir nennen es ‚Unter uns'. Der Titel signalisiert einen Raum des Vertrauens. Hier kann offen geredet werden, Sorgen können geteilt, Ideen vorgebracht werden. Anfangs war die Zurückhaltung bei einigen Mitarbeitenden groß, doch mittlerweile spüren wir das Vertrauen, dass in diesem Raum alle Anliegen Platz haben. Dabei kam jüngst beispielsweise zur Sprache, dass sich aggressives Verhalten von Besuchern des Festspielhauses auf Mitarbeitende häuft, bis hin zu körperlichen Attacken und sexuellen Übergriffen. Wir sind froh, dass das nicht verschwiegen wurde. So konnten wir reagieren, und beispielsweise Kurse zur Selbstverteidigung für Mitarbeiterinnen anbieten.

Mich erfüllt es mit großer Freude zu sehen, welche Früchte das micelab trägt. Für unser Unternehmen, für die Kund:innen, für mich persönlich. Und dieses Wachstum auch bei den Partnern im BodenseeMeeting zu bezeugen."

Gerhard Stübe ist Geschäftsführer der Kongresskultur Bregenz GmbH

 

* In unserer Serie „inspiriert & realisiert. Praxiserfahrungen aus dem micelab:bodensee“ plaudern micelab-Mitglieder aus dem Nähkästchen: Sie erzählen, wie das micelab:bodensee ihre eigene Arbeit beeinflusst, die Veranstaltungskultur in der Bodenseeregion verändert, und sie lassen uns an ihren persönlichen Erfolgsgeschichten teilhaben.

 

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